Gutachten Ekkehard Stier
Ekkehard Stier
Bischöfliches Generalvikariat Münster
Sehr geehrter Herr Propst Remfert,
am Freitag, 18. Mai 2001, war ich in Billerbeck und habe mir zusammen mit Ihrem Kirchenmusiker Wegesin die Orgel in St. Ludgerus näher angesehen. Die beiden Orgelgehäuse stammen vom Architekten der Kirche Rinklake aus dem Jahre 1898. Dazu baute die Firma Fleiter im gleichen Jahr eine Orgel mit 28 Registern. Nach der damaligen Architekturauffassung zeigt das Äußere der Orgel nur stumme Pfeifen, sagt also nichts über den inneren Aufbau und die Größe aus. Der Orgelprospekt wurde unverändert bis heute beibehalten. 1956 elektrifizierte man die ursprünglich pneumatische Orgel mit einem neuen elektrischen Spieltisch, der bis 1994 seinen Dienst tat. 1979 erfolgte dann ein technischer Neubau auf elektrischen Schleifladen durch Firma Kreienbrink, Osnabrück, wobei zahlreiche Register der Orgel von 1898 übernommen wurden, die meisten Register des Hauptwerks, darunter Trompete 8´, die meisten Register des Pedals mit Kontrabass, Posaune, Trompete und Clairon. Der innere Aufbau ist wie folgt: Vom Altar aus gesehen im linken Gehäuseteil unten Kleinpedal, darüber Schwellwerk, dahinter Pedal C-Seite, gegenüberliegend unten Positiv, oben Hauptwerk, dahinter Pedal Cis-Seite. Die Grundfläche pro Gehäuse beträgt Breite ca. 2,70 m, Tiefe 3,50 m für den Manualteil plus 2,10 m für das Pedal auf jeder Seite. Die Geamthöhe beträgt ca. 8 m. Die Winddrücke sind in den Manualen 60 mm, im Pedal 80 mm. 1994 wurde ein neuer Spieltisch angeschafft mit Setzerkombination und separater Registrieranlage auf einem drehbaren Pult. Erbauer ebenfalls Kreienbrink. 1999 erfolgte eine Überarbeitung der 53-Schleifen-Motoren, die Erneuerung der Ladenbälge, die Reinigung und die Nachintonation der Orgel. Verständlicher Weise ist die Orgel heute technisch in einem einwandfreien Zustand, klanglich entspricht sie den Vorstellungen der 70er Jahre, die ein helles Klangbild im Stile des Neobarock anstrebt mit kräftigen Mixturen und wenig Bassfundament.
Ich möchte nun die heikle Frage angehen, ob dieses Instrument Zukunft hat oder durch ein anderes ersetzt werden sollte. Das Instrument basiert – wie schon erwähnt – auf den Registern von 1898 und den mehr neobarocken Ergänzungen der 70er Jahre. Ein Konzept, von dem man keine raumfüllende Wirkung erwarten kann. Für die Größe des Raumes hat die Orgel einfach nicht die notwendige Kraft. Es beginnt bei den Pfeifenmensuren von 1898 und dem niedrigen Winddruck der Orgel heute in den Manualen, die einer Kraftentfaltung, wie wir sie heute musikalisch wünschen, entgegenstehen. Etwas mag auch die Aufstellungsart der Orgel beitragen, wo das Werk, um das Fenster freizuhalten, ziemlich in die Tiefe gestellt ist, statt in die Breite. Nicht günstig ist auch, dass die Orgel 1979 elektrisch gebaut wurde, wo man heute mechanische Orgeln bevorzugt. Was die Darstellung von Orgelliteratur angeht, aus dem symphonischen Bereich der Orgelromantik, fehlen entsprechende Klangfarben, es fehlt das Pedalfundament. So ist verständlich, dass die Musiker sich eine andere Orgel wünschen, die der Größe des Raumes klanglich gewachsen ist. Das Instrument muss nicht unbedingt viel mehr Register haben als die jetzige Orgel, jedoch anders disponiert und anders mensuriert sein. Die architektonische Anlage mit zwei Orgelgehäusen und dem Fenster scheint mir unantastbar und denkmalswert zu sein, so dass also eine spätere Orgel ebenfalls zweigeteilt sein müsste, eine mechanische Verbindung vom Spieltisch zu den beiden Orgelnwerken rechts und links scheint mir schwer lösbar, so dass es möglicherweise doch bei einer elektrischen Traktur bleiben muss.
Wegen der weiteren Schritte, die im Falle eines Neubaus unternommen werden müssten, berate ich Sie gerne und verbleibe
mit freundlichen Grüßen
i.A.
Ekkehard Stier
Anlage: Orgeldisposition [...]